Aktuelles / Archiv Boltenhagener Einblicke / NR.9 Juli-September 2002

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Boltenhagener Einblicke
Zeitung von Boltenhagenern für Boltenhagener und ihre Gäste

Nr. 9    Juli - September 2002


TITEL und Leitartikel der aktuellen Ausgabe: JULI-SEPTEMBER 2002
Beitrag: Menschen aus der Region: Reinhard Jakobitz
Beitrag: Historische Ansichten: "Villa Minerva"
Beitrag: Sabine Dillner - "Morgen bringe ich sie um"


Titel und Leitartikel der aktuellen Ausgabe
Boltenhagener Einblicke - Ausgabe Nr.9Im Ostseebad Boltenhagen ist nichts zu spüren von einer Krise in der Bauwirtschaft. Im Gegenteil, der Bau-Boom hält ungemindert an. Nicht nur in Alt- und Neu-Boltenhagen, auch in den Ortsteilen Redewisch, Wichmannsdorf und Tarnewitz entstehen ständig neue Gebäude.
Einmal im Monat sollte man schon einen Rundgang machen, damit man nichts verpasst.
Schön, dass auch Einheimische den Mut haben und die Chance bekommen, größere Investitionsvorhaben zu verwirklichen.
Nur etwas mehr als ein Jahr ist vergangen, in dem im Ortsteil Tarnewitz aus der ehemaligen Ferienanlage "Eulennest" die Hotelanlage "Tarnewitzer Hof" entstand.
Ein neues Appartementhaus wurde gebaut. Die Gaststätte erhielt einen Anbau mit Saal für etwa 100 Personen, neue Toiletten und einen neuen Küchenbereich.
Auf dem etwa 5000 Quadratmeter großen Areal hinter den Gebäuden soll eine parkähnliche Anlage mit vielfältigen Möglichkeiten für Freizeit und Entspannung entstehen.
"Der neue Name soll den neuen Möglichkeiten Rechnung tragen. Die mit dem Begriff ,Nest' verbundenen Assoziationen werden nicht verloren gehen", versichert die Chefin, Frau Christiane Kühnemann-Springmann.
Auch künftig werden hier nicht nur Feriengäste erwartet, die betreuten Urlaube für erkrankte Menschen finden ebenfalls ihre Fortführung.
R. B.
 
 
Menschen aus der Region:  Reinhard Jakobitz
Markante Gesichtszüge, ein braun gebranntes Gesicht, dem Trend der Zeit folgend ein Basecap auf dem Kopf, so kennt man ihn - Reinhard Jakobitz.
Nein, er ist nicht in Boltenhagen geboren, nicht einmal in Mecklenburg, doch viele Lebensjahre verbrachte er hier an der Ostseeküste. 1929 erblickte er in Skadow bei Cottbus das Licht der Welt.
Die Armeezeit führte ihn nach Boltenhagen. Doch mit "Strammstehen" verbrachte er wenig Zeit. Im damaligen "Ostseehotel" wurde dringend ein Filmvorführer gesucht, den notwendigen Schein dafür hatte er in der Tasche. Hier lernte er seine Frau kennen, ging mit ihr zurück in die alte Heimat. Doch wer einmal die Ostseeluft geschnuppert hat ...1955 kehrten beide zurück nach Boltenhagen. Zunächst war er wieder als Kinovorführer tätig, doch die meiste Zeit, 28 Jahre lang, war er bei der Kurverwaltung beschäftigt, 15 Jahre davon als technischer Leiter. Reinhard Jakobitz
 
Nicht ohne Stolz blickt er auf das zurück, was in diesen Jahren unter seiner Leitung geschaffen wurde. Die Liste die er nun aufzählt scheint schier unendlich zu sein: die ehemalige Kurmuschel, die ehemalige Minigolfanlage, den Springbrunnen gegenüber dem damaligen Fritz-Reuter-Heim, das Gebäude der Gemeindeverwaltung und und und. Oft war er im Land unterwegs, hat Messen und Ausstellungen besucht, um Anregungen für neue Projekte zu erhalten.
Auch das Rettungswesen hat er mit aufgebaut, war in der gemeinsamen Kommission der ehemaligen DDR und der VR Polen tätig. Besonders gern erinnert er sich an die Zeit, in der er die Großveranstaltungen im Kurpark technisch betreut hat.
"Alles, was in der ehemaligen DDR Rang und Namen hatte, hat in den Sommer-monaten im Kurpark gespielt. Nina Hagen hat sogar bei uns übernachtet", erinnert
sich Jakobitz. "  Auch Freilichtkino- und Jugendtanzveranstaltungen haben damals im Kurpark stattgefunden."
Mit der Wende änderte sich dann auch das Leben von Reinhard Jakobitz. Noch im Herbst 1990 wurde er entlassen und ging in den Vorruhestand. Im Folgejahr wagte seine Frau den Schritt in die Selbständigkeit, mit 30 alten Strandkörben wurde eine Strandkorbvermietung aufgebaut. Heute vermietet die Firma, die inzwischen Reinhard Jakobitz übernommen hat, 120 Strandkörbe. Es macht ihm Spaß und wenn es die Gesundheit erlaubt, wird er sicher noch einige Sommer am Strand verbringen.
R. B. / Foto: Mc. BÖCK
 
 
Historische Ansichten: "Villa Minerva"
 
An der Mittelpromenade gelegen hat die "Villa Minerva" das typische Aussehen einer Boltenhagener Pension. Der Schmied Schröder ließ das Haus um 1875 erbauen. Wie viele um diese Zeit errichteten Logier-häuser hat es seeseitig einen Fachwerk-vorbau für Terrasse und Balkone. Der um diese Zeit entstandene Teil Boltenhagens wurde sehr großzügig angelegt. So hatten auch die Gäste des Hauses Minerva
direkten Zugang zur Strandpromenade und zum Strand durch eine parkähnliche Anlage.

Historische Aufnahme
 
Um 1914 war das Haus im Besitz von Fräulein Ihden, später gehörte es Herrn Oskar Russig.


Südansicht der "Villa Minerva"

Im "Gastgeberverzeichnis" der Bade-verwaltung Ostseebad Boltenhagen von 1935 ist nachzulesen, dass das Haus zu dieser Zeit über 22 möblierte Zimmer verfügte, Kaffee und kleine Mahlzeiten konnte man hier erhalten, Bad und Zentral-
heizung dagegen waren im Haus nicht vorhanden. So war das Haus auch nur vom 1. Mai bis zum 1. Oktober geöffnet.
Zu DDR-Zeiten wurde das Haus vom FDGB-Feriendienst genutzt. Im Jahr 2000 wurde die denkmalgeschützte Villa vollständig und liebevoll restauriert. Mit seiner Parkanlage gehört es heute zu den Highlights an Boltenhagens Mittelpromenade. Dem Gast stehen in diesem Haus acht hochwertig ausgestattete Appartements zur Verfügung.

Ralf B. / Foto: Mc. BÖCK

 
 
"Morgen bringe ich sie um"

Nur keine Angst, liebe Leser, Sie sind nicht gemeint. Vielmehr handelt es sich um einen Titel der Autorin Sabine Dillner, geb. Schwarz. 1948 im Ostseebad Boltenhagen geboren, verlebte sie hier zehn glückliche Kindheitsjahre. Heute lebt die gelernte Buchhändlerin mit ihrem Ehemann und der jüngsten Tochter im Nordwesten Irlands.
Seit 1998 ist sie hauptberuflich Autorin und Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.
Wir haben Frau Dillner im Internet "ausgegraben" und konnten sie für eine Mitarbeit an unserer Zeitung gewinnen. In der heutigen Ausgabe ihr erster Beitrag.

Grüße von der Grünen Insel nach Boltenhagen

Unsere Autorin: Sabine Dillner

Den Ort meiner Geburt erwähne ich stets mit Stolz - man könnte sogar behaupten, ich gäbe damit an. In Boltenhagen ist schließlich nicht jeder geboren. Das ist schon etwas Besonderes. Sicher, ich selbst habe nicht eben viel dazu getan und insofern ist dieser Stolz vielleicht doch nicht so ganz berechtigt - aber sei's drum. Ich habe das Licht der Welt in Boltenhagen erblickt und habe dort die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht. Es waren die schönsten Jahre, zum einen, weil im Rückblick die Kinderzeit wohl immer in strahlendem Licht erscheint, zum anderen, weil ich eben wirklich privilegiert war. Denn es ist doch wohl ein Privileg, zwischen Strand und "Krähenwald" (so nannten wir das Kiefernwäldchen, das sich hinterm Haus bis zur Chaussee erstreckte) aufwachsen zu dürfen.Von 1948 bis 1958 habe ich in Boltenhagen gewohnt. Mein Vater, Herbert Schwarz, war Fischer, ebenso wie mein Großvater, Richard Schwarz. Mein jüngerer Bruder Joachim (Jochen) ist, der Familientradition folgend, ebenfalls Fischer geworden. Ich bin noch in Boltenhagen in die Schule gegangen, das erste Jahr in die alte Schule am Mittelweg, dann, in der zweiten und dritten Klasse schon in die neue Schule, an der Straße nach Klütz. Unsere Lehrerin - erinnert sich jemand? - hieß Fräulein Griem. Ich war zehn Jahre alt als wir nach Wismar zogen, aber solange unsere Großeltern lebten, war Boltenhagen für uns, Jochen und mich, nicht verloren. Wir waren oft in den Ferien dort, hatten da noch unsere Freunde, spielten an den vertrauten Plätzen. Dann wurden wir erwachsen, die Großeltern starben, das Leben packte uns im Genick und schubste uns umher. Der See aber, die wir im Blut haben, sind wir letztendlich doch beide treu geblieben, wenn es nun auch nicht mehr die Ostsee ist, sondern der Atlantik. Jochen lebt jetzt an der Algarve in Portugal, ich im einsamen Nordwesten Irlands.

Als ich zuletzt, und nur für wenige Stunden, in Boltenhagen war - es mag jetzt sechs oder sieben Jahre her sein - habe ich den Ort kaum wiedererkannt. Boltenhagen hat sich verändert, verjüngt wohl auch, ist schick und modern geworden. Ich gebe zu, diese Veränderungen mit einer leisen Wehmut registriert zu haben. Einst kannte ich dort fast jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und jeden Stein. Mit meinen Eltern, dem Bruder und den Großeltern wohnte ich am Strandweg, im "Schwarzen Bär", den meine Großmutter den "Gälen Aap" (Gelben Affen) nannte. Jetzt war er nicht mehr gelb, sondern strahlend weiß. Da waren Fenster und Balkone, die dort vorher nicht gewesen sind. Ein schönes Haus. Ein fremdes Haus. Der Strand, das endlose Paradies unserer Kindheit, war wunderbar gepflegt und sauber. Doch klein ist er geworden, viel schmaler als in meiner Erinnerung. Es gab eine Zeit, da hat der Strand mir gehört - jetzt hatte ich einen Obolus zu entrichten, um ihn betreten zu dürfen.

Aber für uns gab es nicht nur den Strand, den wir damals schon in den Sommerferien eher den Badegästen überließen. Im "Krähenwald" haben wir uns Höhlen gebaut und Himbeeren gepflückt, oder wir sind unter Todesverachtung mit Roller oder Schlitten den "Wind", ein winziges Hügelchen, hinuntergesaust. Im Frühjahr war der Boden im "Urwald" bedeckt mit Anemonen und Schlüsselblumen, und Maikäfer haben wir gesammelt... Während ich diese Zeilen schreibe, während meine Gedanken zurückgehen und versuchen, halbvergessene Bilder aus einer Zeit von vor mehr als vierzig Jahren heraufzubeschwören, weht ein stürmischer Wind vom Atlantik um mein kleines irisches Cottage, rüttelt an Fenstern und Türen. Dieser Wind zieht weiter, über die irische See, über England, über die Nordsee - und wer weiß, vielleicht erreicht er schließlich auch noch Boltenhagen. Ich gebe ihm einen Gruß mit auf die Reise.

Sabine Dillner


Gern würde Frau Dillner Boltenhagen zur 200. Badesaison besuchen.
Bei entsprechendem Interesse würde sie bei dieser Gelegenheit auch Lesungen für Kinder oder/und Erwachsene anbieten. Konkrete Terminabsprachen wären natürlich erforderlich.
Melden Sie sich also bitte bei der Redaktion, wenn Sie interessiert sind!

d. R.

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